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Capoeira: Afrobrasilianisches Grundnahrungsmittel oder Vem Jogar! – Komm spielen!

Last Updated on 29. April 2026 by Südamerika Reiseportal

Zu Rhythmus und Gesang bewegen sich zwei Personen in der Mitte eines geschlossenen Kreises, der von Musikern und Zuschauern gebildet wird. Ton angebend ist dabei, trotz ebenfalls zum Einsatz kommender Trommeln (atabaques) und Tamburine (pandeiros), ein seltsames Musikinstrument, der Berimbau. Dieser mit einem Holzstäbchen in Schwingung versetzte Bogen besteht aus einer elastischen Rute aus biegsamem Beribaholz (vara), einem als Saite dienenden Stahldraht und einem ausgehöhltem Kürbis (cabaça) als Resonanzboden. Die beiden Akteure in der sog. Roda (Runde) belauern sich wie Schlangen: tänzelnd, elegant, mit wiegenden Schritten. Dann “explodieren” sie geradezu: Es kommt zu artistischen Einlagen in der Luft und auf dem Boden: sie springen, drehen Pirouetten, schlagen Salti. Kopfstände wechseln mit angetäuschten Schlägen und Fußtritten und darauf antwortenden Ausweichbewegungen. Sie scheinen zu kämpfen, berühren sich aber nicht.

3 Berimbau mit unterschiedlichen Tonhoehen
3 Berimbau mit unterschiedlichen Tonhöhen (© Horst Nogajski / www.nogajski.de, Lizenzstatus: GNU FDL)

Es dauert etwas, bis der Zuschauer begreift, dass der Sinn dieses einst verbotenen, 2008 jedoch zum brasilianischen Kulturerbe erhobenen Spiels – anders als etwa beim Judo – nicht darin besteht, in aggressiver Weise auf das Gegenüber einzuwirken und ihn zu besiegen, vielmehr darin, schnell und fintenreich zu agieren, ihn zu überraschen und sich allzeit bereit und geistesgegenwärtig zu präsentieren. Dieses bisweilen wie „Schattenkickboxen“ anmutende Spiel fordert und fördert also besondere Aufmerksamkeit, hohe Konzentration, Koordination, Taktik und Geschicklichkeit.

Capoeira Unterricht (Photo by Matheus Natan from Pexels)

Die Dynamik und Geschmeidigkeit der Körper, das flexible und reaktionsschnelle Handeln, die kreative Akrobatik und die Mimik – das alles ist spektakulär und faszinierend und steht deshalb nicht nur beim staunenden Publikum, sondern auch bei der „modernen“ und hipperen Stilrichtung, der sog. Capoeira regional, im Vordergrund. Aber das ist eben nur die äußerliche Seite der Capoeira, bei der die beiden immer wieder wechselnden Spieler gleichzeitig Partner und Gegner sind. Denn sie kämpfen gegeneinander, tanzen aber auch miteinander. Diese heikle Balance zwischen (Schau-) Kampf und Kooperation zeigt nur einen der widersprüchlichen Aspekte dieses – trotz aller Tricks – solidarischen Duells „sprechender Körper“. Bei aller Ambivalenz spürt man, dass es um mehr als die beeindruckende Demonstration physischer und psycho-mentaler Leistungsfähigkeit geht. Es geht um eine lebensbezogene Meisterschaft, um Identität und Stolz, um Freiheit und Würde und um den dazu erforderlichen wachen und widerständigen Geist. Denn das zentrale Element, die „Seele“ der Capoeira ist neben der Musik die schwer zu fassende Malícia. Diese im Deutschen negativ konnotierte „Malice“ der jogadores ist jedoch nicht reine „Niedertracht“ oder „Bosheit“, sondern vor allem „List“ und „Schläue“. Und sie geht zurück auf eines der dunkelsten und traurigsten Kapitel Lateinamerikas. Ihren Ursprung hat sie in der brutalen Verschleppung von schätzungsweise drei Millionen Sklaven aus den portugiesischen Kolonien in Schwarzafrika nach Brasilien. Dort mußten sie auf den riesigen fazendas, den Kaffee-, Zucker- und Tabakplantagen, schuften. Dabei war ihnen verboten, Waffen zu tragen und miteinander zu kämpfen, also Formen der Selbstverteidigung einzuüben. Allerdings durften sie tanzen und musizieren. So entwickelte sich eine als dança getarnte Art des Nahkampfs, die Körper und Geist trainierte und so beide zu (Geheim-) Waffen der Unterdrückten machte. Erst 1888 schaffte Brasilien die Sklaverei ab. Fast jeder zweite Brasilianer ist Nachfahre ehemaliger Sklaven und gehört damit in aller Regel zu den Benachteiligten, die im Durchschnitt nur halb so viel wie die Weißen verdienen. Mittels der malícia, die als Reaktion auf die gesellschaftliche Ordnung die Realität des brasilianischen Alltags spiegelt, wappnet er sich gleichsam gegen die fortdauernde Gewalt und Ungerechtigkeit seines sozialen und ökonomischen Daseins.

Drei „Spiel-Arten“ – portugiesisch: jogartocar (berühren) und brincar (scherzen) – überkreuzen und verbinden sich dabei zu einer improvisierten und vielschichtigen Performance: das Spiel des Körpers, das Musik- und das Wortspiel. Die Musik, ohne die es nicht denkbar ist, schafft die jeweilige Atmosphäre für das Spiel (Jogo), sie leitet und begleitet es. Die vorgetragenen Cantigas (Lieder und Reimsprüche) erzählen dazu die Geschichte der Capoeira und seiner Helden. Während der Rhythmus des Klangbogens den Capoeiristas im Ring Anweisungen gibt, sie in einer energetischen Spannung hält, inspirieren die monoton klingenden, aber anspielungsreichen Gesänge sie im Kampf. Auf diese Weise bilden Spieler, Musiker und mitsingende Zuschauer eine Einheit, die ständig inter- und koagiert.

Stadtteil Pelourinho in der Geburtsstadt des Capoeira: Salvador da Bahia (©Jörg Rausch)
Stadtteil Pelourinho in der Geburtsstadt des Capoeira: Salvador da Bahia (©Jörg Rausch)

Es verwundert daher kaum, dass es im „schwarzen Herzen Brasiliens“, der Hafenstadt Salvador da Bahia, deren Bewohner zu über 80 % Afrobrasilianer sind, diverse “academias” gibt, in denen berühmte mestres, Capoeira-Meister, ihre Kunst lehren. Überall auf den Straßen und Plätzen, insbesondere im berühmten Pelourinho-Viertel oberhalb der Altstadt, wo einst Recht gesprochen und zwischen den vielen Kirchen der Sklavenmarkt abgehalten wurde, sieht man Capoeiristas. Natürlich haben sie auch die vielen (Tages-) Touristen im Visier, denen sie eine perfekt einstudierte Show abliefern. Doch als geborenen Capoeiristas geht es ihnen vor allem darum, den Widersprüchen und Widrigkeiten entgegen zu treten und sich eine bessere Perspektive im Spiel des Lebens zu schaffen. Gerade weil sie die finsteren Seiten der menschlichen Natur kennen, lassen sie sich ihre subversive Lebensfreude nicht verderben. Ihr wachsendes Selbstbewusstsein zeigt sich nicht zuletzt an der Tatsache, dass sie anstelle des 13. Mais, des Jahrestages des „Goldenen Gesetzes“ (das die Sklavenwirtschaft beendete), am 20. November den „Tag des schwarzen Stolzes“ feiern. An diesem Tag wurde 1695 Zumbi, der legendäre „líder negro“ geköpft. Er war der Anführer des autonomen Königreichs Palmares, des größten Quilombo, einer Siedlung mit zeitweilig 30.000 entflohenden und frei geborenen Sklaven.

Im Grenzbereich zwischen Spiel, Kampf und Tanz angesiedelt, ist die Capoeira ein Beleg dafür, dass eine tradierte und revitalisierte Ausdrucksform, die inzwischen stark kommerzialisiert ist und sogar zu einer Modesportart mutierte, nach wie vor als Kulturgut lebendig sein kann und sich allen Versuchen der Vereinnahmung anarchisch widersetzt. Denn bei diesem angesagten, aber nicht an seinem Erfolg erstickenden „Kampftanz“ handelt es sich weniger um körperliche Ertüchtigung als um eine subtile Widerstandstechnik und eine ganze Lebensphilosophie. Man praktiziert sie daher nicht bloß, sondern verkörpert sie.

Capoeira in den Straßen (Bild von Che_co auf Pixabay)
Capoeira in den Straßen (Bild von Che_co auf Pixabay)

Wenn es wahr ist, dass für den Kubaner der Tanz so lebensnotwendig ist „wie Wasser trinken“, dann gilt für den Baiano: Die Capoeira ist „alles, was der Mund isst“ (Mestre Pastinha, der „Vater“ der Capoeira de Angola, der in Pelourinho die erste Schule dieser „alten“, “afrikanischen” Stilrichtung gründete).

Habt ihr Lust, Bahia selbst zu besuchen? Hier sind ein paar Reisen, die Bahia im Programm haben.


Wasserfälle von Iguaçu
Wasserfälle von Iguaçu
Individualreise Höhepunkte Brasilien

Diese 20-tägige Reise führt dich zu Brasiliens bekannten Sehenswürdigkeiten wie Río de Janeiro, den Iguaçu Wasserfällen und einer Urwald-Lodge im Pantanal mit aufregenden Foto-Safaris und nächtlichen Exkursionen. Außerdem erkunden Sie von Manau aus Amazonien auf einem Schiff. Auch Salvador de Bahia und die Traumstränden der Ilha de Tinharé sind Höhepunkte.


Gruppenreise Brasiliens Kontraste
Gruppenreise Brasiliens Kontraste
Mit dem Boot durch den Amazonas

Diese Gruppenreise durch das riesige Brasilien bringt uns in landschaftlich reizvolle Gegenden wie Río de Janeiro und den Nationalparks Lençois Maranhenses. Mit einem Privatboot auf dem Rio Negro wird der Urwald des Amazonas erkundet und mit Delfinen geschwommen. Der Nationalpark Lençois Maranhenses und Salvador de Bahia stehen ebenfalls auf dem Programm.


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